Samuel Raven
Stobwasser-Lackwaren gelangten bereits früh auch nach England. Christian Heinrich Stobwasser unternahm 1804 eine Studienreise dorthin, zu einer Zeit, als das Unternehmen seine internationalen Geschäftsbeziehungen weiter ausbaute. Birmingham besaß allerdings selbst bereits eine bedeutende Tradition in der Herstellung lackierter Waren und von Papiermaché. Vor diesem Hintergrund entwickelte sich dort mit Samuel Raven (um 1775–1847) einer der bekanntesten englischen Maler von Lackdosen. Seine Arbeiten weisen deutliche Ähnlichkeiten mit den Erzeugnissen Stobwassers auf, entstanden jedoch zugleich innerhalb der eigenständigen Birminghamer Lack- und Papiermachéproduktion.
Über Ravens Ausbildung ist nur wenig bekannt. Die Annahme, er müsse sich die Malerei weitgehend autodidaktisch angeeignet haben, lässt sich nicht sicher belegen. Spätestens 1815 ist er in Birmingham als Maler nachweisbar und unterhielt seinen Betrieb in der Bartholomew Street. Aus dieser Zeit ist auch überliefert, dass er in seinem Atelier bereits andere Maler ausbildete. Ein 1816 entstandenes Selbstporträt Ravens befindet sich heute im Birmingham Museums Trust.

Raven stellte die von ihm bemalten Dosen offenbar nicht durchgehend selbst her, sondern bezog zumindest einen Teil der Rohlinge von spezialisierten Birminghamer Produzenten. Für einzelne von Raven bemalte Schnupftabaksdosen sind Papiermaché-Rohlinge aus der Produktion Henry Clays (gest. 1812) nachweisbar. Auch Unternehmen wie Jennens & Bettridge, die seit 1816 zu den führenden Birminghamer Herstellern von Papiermachéwaren gehörten, fertigten entsprechende Dosenrohlinge.
Als Vorlagen für seine lackierten Dosen und Bildplatten nutzte Raven vielfach druckgrafische Reproduktionen zeitgenössischer Gemälde. Zu den aufgegriffenen Künstlern gehörten unter anderem David Wilkie (1785-1841), George Henry Harlow (1787-1819) und George Morland (1763-1804). Daneben bevorzugte Raven Jagd- und Tierdarstellungen. Ein bekanntes Beispiel ist die Darstellung der beiden Hunde Crib and Rosa by a barrel nach einem 1817 entstandenen Gemälde des Tiermalers Abraham Cooper (1787–1868). Auch Porträts und Theaterszenen wurden nach grafischen Vorlagen auf Dosen übertragen.
Raven erwarb sich mit seinen Arbeiten bald eine angesehene Kundschaft. Spätestens um 1819/20 gehörten Augustus Frederick, Duke of Sussex (1773–1843), und Prinz Leopold von Sachsen-Coburg (1790–1865) zu seinen prominenten Gönnern. Ein Bericht in Aris’s Birmingham Gazette vom Februar 1820 erwähnt einen von Raven gefertigten Zigarrenbehälter, der dem Duke of Sussex so gut gefiel, dass dieser anschließend Porträts seiner selbst und seines kurz zuvor verstorbenen Bruders, des Duke of Kent, bei Raven in Auftrag gab. Auch ein um 1819 entstandenes Porträt des Schauspielers John Emery trägt bereits den Hinweis auf die Förderung durch den Duke of Sussex und Prinz Leopold.
Diese Verbindung nutzte Raven auch zur Kennzeichnung seiner Waren. Auf zahlreichen Schnupftabaksdosen finden sich neben den Signaturen „Raven“, „S. Raven“ oder „S. R.“ im Inneren des Deckels Hinweise wie „S. Raven pinxt. Patronized by H.R.H. the Duke of Sussex & Prince Leopold of Saxe-Coburg“. Solche Angaben auf Handelswaren verbanden die Signatur des Künstlers mit dem werbewirksamen Hinweis auf seine hochrangigen Auftraggeber. Entsprechend bezeichnete Stücke befinden sich heute unter anderem in der National Gallery of Victoria und der National Portrait Gallery.
In Form und Dekor stehen Ravens Schnupftabaksdosen den deutschen Lackdosen häufig auffallend nahe. Die bekannten Stücke bestehen überwiegend aus schwarz lackiertem Papiermaché und sind meist rund gearbeitet. Stobwasser dürfte für Raven eine wichtige Orientierung dargestellt haben; zugleich knüpfte er an die traditionsreiche Birminghamer Herstellung lackierter Papiermachéwaren an. Eine unmittelbare Übernahme der Stobwasser-Technik lässt sich daher nicht voraussetzen.
Material und Lackierung unterscheiden sich bei vielen Raven-Dosen von den Braunschweiger und Berliner Stobwasser-Arbeiten. Das Papiermaché ist häufig leichter und poröser, während die Lackoberflächen heute vielfach ein ausgeprägtes Craquelé, Glanzverlust oder Nachdunkelungen zeigen. Die Malerei konnte dagegen ein außerordentlich hohes Niveau erreichen und macht eine eindeutige Zuschreibung ohne Signatur oder Materialuntersuchung mitunter schwierig.
Samuel Raven starb 1847 im Alter von etwa 72 Jahren in Birmingham. Zu diesem Zeitpunkt verlor das Schnupftabaksnehmen allmählich an Bedeutung, während andere Formen des Tabakkonsums stärker wurden. Die Zigarette setzte sich in Großbritannien allerdings erst deutlich später im Verlauf des 19. Jahrhunderts in größerem Umfang durch.
Ravens Arbeiten blieben auch nach seinem Tod begehrt. Versteigerungskataloge aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zeigen, dass seine Lackdosen auf dem englischen Kunstmarkt hohe Wertschätzung erfuhren. Bis heute zählen sie zu den charakteristischen Erzeugnissen der englischen bemalten Papiermaché-Lackware des frühen 19. Jahrhunderts.
