Werkverzeichnis Stobwasser

Samuel Raven

Die Verbindungen der Manufaktur Stobwasser nach England reichen bis in das frühe 19. Jahrhundert zurück. Christian Heinrich Stobwasser unternahm 1804 eine Studienreise dorthin, zu einer Zeit, als das Unternehmen seine internationalen Geschäftsbeziehungen weiter ausbaute. Birmingham besaß allerdings selbst bereits eine bedeutende Tradition in der Herstellung lackierter Waren und von Papiermaché. Vor diesem Hintergrund entwickelte sich dort mit Samuel Raven (um 1775–1847) ein auf die Bemalung von Lackwaren spezialisierter Künstler, dessen Schnupftabaksdosen deutliche Ähnlichkeiten mit den Erzeugnissen Stobwassers aufweisen. Seine Arbeiten entstanden zugleich innerhalb der eigenständigen Birminghamer Lack- und Papiermachéproduktion.

Porträt Samuel Ravens
Bildnis des Samuel Raven von einem unbekannten Maler; Öl auf Leinwand; Birmingham, um 1810; Birmingham Museum and Art Gallery.

Über Ravens Ausbildung und die Anfänge seiner Tätigkeit ist nur wenig bekannt. Vermutet wird eine Verbindung zur bedeutenden Birminghamer Lackwarenmanufaktur Henry Clay, die seit dem späten 18. Jahrhundert vollständige Papiermaché- und Lackwaren herstellte und vertrieb. Zum Sortiment gehörten unter anderem Dosen, Tabletts, Kästen und andere Gebrauchsgegenstände, die innerhalb der Manufaktur gefertigt, lackiert und dekoriert wurden.

Für mindestens eine von Raven bemalte Schnupftabaksdose ist ein Dosenkörper aus der Produktion Henry Clays nachgewiesen. Raven übernahm hier die malerische Gestaltung eines bereits hergestellten Lackobjekts. Ob er zuvor selbst in Clays Werkstatt beschäftigt war, wird in der Literatur vermutet, ist bislang jedoch nicht eindeutig belegt. Nach Clays Tod 1812 wurde dessen Geschäft zunächst weitergeführt. Jennens & Bettridge übernahmen 1816 die früheren Birminghamer Werkstätten Clays und entwickelten sich später zu einem der bedeutendsten englischen Hersteller von Papiermaché- und Lackwaren.

Um 1815 machte sich Raven offenbar als Maler selbständig. Im Birminghamer Adressbuch von 1818 wird „Samuel Raven, Painter“ in der Bartholomew Street geführt. Auch die Ausbildung anderer Maler in seinem Atelier ist für diese frühe Phase überliefert. Bei seinen Arbeiten ist daher zwischen der Herstellung des Lackobjekts und Ravens eigener malerischer Leistung zu unterscheiden: Nicht jede von ihm bemalte Dose oder Bildplatte wurde auch von ihm selbst gefertigt.

Schauspielerin als Psyche
Schnupftabaksdose mit Darstellung einer jungen Frau mit Flügeln; um 1830. Braunschweig, Privatbesitz. Objekt aufrufen

Als Vorlagen für seine lackierten Dosen und Bildplatten nutzte Raven vielfach druckgrafische Reproduktionen zeitgenössischer Gemälde. Zu den aufgegriffenen Künstlern gehörten unter anderem David Wilkie (1785-1841), George Henry Harlow (1787-1819) und George Morland (1763-1804). Daneben gehörten Tierdarstellungen zu seinen bevorzugten Motiven. Ein bekanntes Beispiel ist die Darstellung des Katzenkopfes von Tom-the Tabby Cat nach einer Malvorlage des Tiermalers Abraham Cooper (1787–1868). Auch Porträts und Theaterszenen wurden nach grafischen Vorlagen auf Dosen übertragen.

Katzenkopf
Tom-the Tabby Cat nach einer Malvorlage von Abraham Cooper; Öl-Lackmalerei auf Papiermaché; S. Raven, 1. Hälfte des 19. Jh. Objekt aufrufen

Raven erwarb sich mit seinen Arbeiten bald eine angesehene Kundschaft. Spätestens um 1819/20 gehörten Augustus Frederick, Duke of Sussex (1773–1843), und Prinz Leopold von Sachsen-Coburg (1790–1865) zu seinen prominenten Gönnern. Ein Bericht in Aris’s Birmingham Gazette vom Februar 1820 erwähnt einen von Raven gestalteten Zigarrenbehälter, der dem Duke of Sussex so gut gefiel, dass dieser anschließend Porträts seiner selbst und seines kurz zuvor verstorbenen Bruders, des Duke of Kent, bei Raven in Auftrag gab. Auch ein um 1819 entstandenes Porträt des Schauspielers John Emery trägt bereits den Hinweis auf die Förderung durch den Duke of Sussex und Prinz Leopold.

Diese Verbindung nutzte Raven auch zur Kennzeichnung seiner Arbeiten. Auf zahlreichen Schnupftabaksdosen finden sich neben den Signaturen „Raven“, „S. Raven“ oder „S. R.“ im Inneren des Deckels Hinweise wie „S. Raven pinxt. Patronized by H.R.H. the Duke of Sussex & Prince Leopold of Saxe-Coburg“. Solche Angaben auf Handelswaren verbanden die Signatur des Künstlers mit dem werbewirksamen Hinweis auf seine hochrangigen Auftraggeber. Entsprechend bezeichnete Stücke befinden sich heute unter anderem in der National Gallery of Victoria und der National Portrait Gallery.

In Form und Dekor stehen Ravens Schnupftabaksdosen den Erzeugnissen Stobwassers teilweise auffallend nahe. Die bekannten Stücke bestehen überwiegend aus schwarz lackiertem Papiermaché und sind meist rund gearbeitet. Gerade diese Ähnlichkeiten in Objektform, Motivwahl und Erscheinungsbild machen Raven für den Vergleich mit den Braunschweiger und Berliner Lackwaren besonders interessant. Ob er sich unmittelbar an Stobwasser orientierte, lässt sich bislang jedoch nicht belegen. Seine Arbeiten entstanden zugleich innerhalb der eigenständigen und hochentwickelten Birminghamer Papiermaché- und Lackwarenindustrie.

Bei erhaltenen Raven-Dosen lassen sich gegenüber den Braunschweiger und Berliner Stobwasser-Arbeiten häufig Unterschiede in Material und Lackierung beobachten. Das Papiermaché ist häufig leichter und poröser, während die Lackoberflächen heute vielfach ein ausgeprägtes Craquelé, Glanzverlust oder Nachdunkelungen zeigen. Die Malerei konnte dagegen ein außerordentlich hohes Niveau erreichen und macht eine eindeutige Zuschreibung ohne Signatur oder Materialuntersuchung mitunter schwierig.

Samuel Raven starb 1847 im Alter von etwa 72 Jahren in Birmingham. Die Blütezeit der aufwendig bemalten Schnupftabaksdose neigte sich zu dieser Zeit bereits ihrem Ende entgegen.

Ravens Arbeiten blieben auch nach seinem Tod begehrt. Versteigerungskataloge aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zeigen, dass seine Lackdosen auf dem englischen Kunstmarkt hohe Wertschätzung erfuhren. Bis heute zählen sie zu den charakteristischen Erzeugnissen der englischen bemalten Papiermaché-Lackware des frühen 19. Jahrhunderts.